Hilfe, mein Kind wird erwachsen!

Die Pubertät ist für die ganze Familie eine Herausforderung. Während das Kind auf der Suche nach der eigenen Identität körperliche wie emotionale Veränderungen durchmacht, befinden sich die Eltern auf einem Balanceakt zwischen Haltgeben und Loslassen.






Fabienne rollt genervt mit den Augen, bevor sie ihrer Mutter ein «Jetzt mach nicht so ein Drama» zuschreit, um sich dann lauten Schrittes und hinter knallender Tür in ihrem Zimmer zu verbarrikadieren. Die Mutter, die einmal mehr mit ihrer Tochter streitet, weil diese sich nicht an Abmachungen hält, kämpft mit den Tränen. Sie ist ratlos. Wer ist bloss dieses aggressive 15-jährige Mädchen, das nur noch ultrakurze Röcke und dunklen Kajal trägt, das abends erst nach Mitternacht nach Hause kommt und einen Freund hat, der schon 17 ist? Wo ist die freundliche Fabienne geblieben, die immer gute Noten nach Hause brachte, sich im Haushalt nützlich machte und am Sonntagnachmittag gerne mit ihren Eltern am See spazieren ging?

Kinder brauchen
erwachsene Eltern!
 

Die Suche nach sich selbst
Die Pubertät setzt hierzulande im Alter von rund zwölf Jahren ein und ist der unvermeidbare wie notwendige Ablösungsprozess vom Kindes- zum Erwachsenendasein. Sie stellt die Suche des Jugendlichen nach innerer Unabhängigkeit und der eigenen Individualität dar.
Im Zentrum steht die Geschlechtsreife, die sich gleichzeitig physisch und psychisch abspielt. Schamhaare spriessen, Akne macht sich breit, bei männlichen Teenagern bricht die Stimme, die Hoden wachsen, während bei den weiblichen die Periode einsetzt und Brüste wachsen – selbstverständlich hat der sich verändernde Körper auch Auswirkungen auf das Körpergefühl, auf die Selbstwahrnehmung und auch auf das Selbstwertgefühl. Geheime Sehnsüchte werden wach, ungekannte Leidenschaft und der Wunsch nach Sexualität keimt auf, dazu kommt die erste Liebe. Aber auch Schamgefühle, Einsamkeit und Enttäuschung bahnen sich ihren Weg in die pubertierende Seele. Am Anfang stellen die Kinder alles in Frage, sie grübeln und zweifeln. Sie erkennen, dass die Welt nicht so schön und wohlbehütet ist, wie sie bisher glaubten. Etwa zwischen 15 und 17 Jahren fangen die Jugendlichen an zu experimentieren, zu provozieren, zu rebellieren. Die wachsende Kritik gegenüber dem erwachsenen Umfeld, insbesondere gegenüber den eigenen Eltern, sorgt permanent für Konflikte und macht vielen Müttern und Vätern Angst. Kein Wunder, sehen viele Eltern die Pubertät als eine einzige grosse Krise.

Interesse statt Belehrung
Jugendliche testen auf der Suche nach sich selbst ihre Grenzen und Freiheiten neu aus. Dabei ringen sie mit sich selbst, sind oft verwirrt, beunruhigt und zugleich fasziniert von dem, was in ihnen vorgeht. Sie sind hin- und hergerissen. In dieser Zeit brauchen Jugendliche Menschen, an denen sie sich reiben können. Keine belehrenden, verkrampften Erwachsenen, die sie wie Kleinkinder behandeln. Sondern Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, die echtes Interesse an ihnen zeigen, sie ernst nehmen und ihnen zuhören, dabei jedoch klar Stellung beziehen und die eigene Meinung offensiv vertreten. Für die Eltern heisst das, ihr Kind loszulassen, ohne es allein zu lassen.


Es lohnt sich, mit Teenagern eine gute Gesprächskultur
zu pflegen und mit ihnen auch über die eigenen
Erfahrungen aus der Pubertät zu sprechen.


Gemeinsam neue Regeln festlegen
Überprüfen Sie Ihr (Erziehungs-)Verhalten kritisch. Statt auf Machtspiele sollten sich Eltern auf Diskussionen mit ihren Kindern einlassen und gemeinsam neue Regeln inklusive der Konsequenzen bei Nichteinhalten festlegen. Denn Teenager brauchen trotz
neuer Freiheitsansprüche immer noch Grenzen, die ihnen Orientierung und Halt bieten. Eltern, die sich für ihre Kinder aufopfern und es ihnen immer recht machen wollen oder solche, die ihnen auf die Pelle rücken und sie dauernd kontrollieren, sind bei Teenagern nicht sonderlich beliebt. Eltern dagegen, die Teenagern Zeit lassen und ihnen mit einer Mischung aus Wertschätzung und emotionaler Unterstützung begegnen, haben gute Chancen, dass sich ihre Kinder auch in schwierigen Situationen an sie wenden.

Lesetipp
Pubertät: Loslassen und Haltgeben, Jan-Uwe Rogge, Rowohlt Taschenbuch 2001, ISBN-10: 3833724722

Tipp aus Ihrer Apotheke

Fünf Richtlinien für Eltern von Jugendlichen

  1. Kinder brauchen erwachsene Eltern, die klar hinter ihnen stehen, aber genauso klar ihre eigene Meinung vertreten.
  2. Seien Sie ein gutes Vorbild; leben Sie Ihren Kindern vor, wie man sein Leben im Griff hat, wie man Spass bei der Arbeit hat und wie man zufrieden ist und bleibt.
  3. Legen Sie gemeinsam mit Ihren Kindern neue Regeln fest.
  4. Bleiben Sie ruhig und gelassen, nehmen Sie sich zurück und fördern Sie stattdessen die Eigenverantwortung.
  5. Pflegen Sie schon früh eine gesunde Gesprächskultur; sprechen Sie über Ihre eigenen Ängste und Probleme als Teenager.  

Suzana Cubranovic


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