So winzig und doch lebensfähig: Frühchen sind Neugeborene, die sechs Wochen und mehr vor dem Geburtstermin auf die Welt kommen. Dank medizinischer Fortschritte haben sie heute gute Chancen, sich vollständig zu entwickeln.
Das kleinste Baby der Welt wurde vor einigen Monaten per Kaiserschnitt geboren: Es war mit 25 Zentimetern etwa so lang wie zwei aneinandergereihte Mobiltelefone und mit 244 Gramm knapp so schwer wie eine Getränkedose. Die Ärzte haben die Mutter in der 26. Schwangerschaftswoche, also 14 Wochen vor dem Termin, notfallmässig entbunden. Grund war der Bluthochdruck der Mutter, der die Gesundheit des Kindes beeinträchtigte. Heute erfreut sich das kleine Mädchen bester Gesundheit. Es ist gemäss den Medizinern das kleinste Baby der Welt, das je überlebt hat.
Rund sieben Prozent der Kinder kommen zu früh auf die Welt. |
Frühgeborene und Frühchen
Ein Kind wird termingerecht geboren, wenn es um die 39. Schwangerschaftswoche herum zur Welt kommt. Man spricht von Frühgeborenen, wenn die Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche erfolgt, und von Frühchen, wenn es vor der 33. Schwangerschaftswoche zu einer Geburt kommt. Rund sieben Prozent der Kinder kommen zu früh auf die Welt, gut ein Prozent davon als Frühchen. Heute werden immer mehr Kinder zu früh geboren, vermutlich weil es häufiger Zwillings- oder Drillingsschwangerschaften gibt.
Rein äusserlich unterscheiden sich Frühchen kaum von «Normalgeborenen». Sie sind einfach viel kleiner, die Haut ist feiner, die Augenlider sind nicht vollständig abgelöst und die Brustwarzen kaum angedeutet. Im Körperinnern allerdings unterscheiden sich Frühchen deutlich: Die Organe sind nicht ausreichend entwickelt und können noch nicht selbständig «arbeiten».
Lange Wochen des Wartens
Frühchen werden im Spital auf der Abteilung Neonatologie intensiv gepflegt und überwacht. Zunächst liegen sie fast alle im Inkubator, einer Art Brutkasten. Dieser soll dem winzigen Neugeborenen den Eindruck verleihen, sich immer noch in der geschützten Welt im Bauch seiner Mutter zu befinden. Denn das Frühchen hat in punkto Entwicklung noch einiges nachzuholen. Im ersten Lebensmonat reift die Lunge aus und der Blutkreislauf wird funktionsfähig. Anschliessend entwickelt sich das Nervensystem und das Kind wird «erwachen». Dies ist für die Eltern einer der wunderbarsten Momente: Das Baby beginnt, auf Zärtlichkeiten und Stimmen zu reagieren. Heute ist es wissenschaftlich erwiesen, dass sich Kinder besser entwickeln, wenn sie engen Hautkontakt zu den Eltern haben. Mütter und Väter freuen sich, dass sie trotz Intensivstation ihr Kind in den Armen halten und eine Beziehung zu ihm aufbauen können.
Überleben um jeden Preis?
Die Neonatologie gehört in der Medizin zu den Bereichen mit den spektakulärsten Ergebnissen. Die Frühchen von gestern, die in der 31. oder 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden, zählen heute fast ausschliesslich zu den «normalen» Frühgeburten. Mit den medizinischen Fortschritten steigt aber auch die Zahl der Kinder, die wesentlich früher geboren werden. Betroffene Eltern stehen vor einer grossen Aufgabe. Je unreifer ein Kind geboren wird, desto grösser ist die Gefahr, dass es später gesundheitlich beeinträchtigt ist.
In den ersten Lebensmonaten leiden viele Frühchen an Infektionen der Atemwege. Fünf bis zehn Prozent zeigen sich gegenüber «Normalgeborenen» im ersten und zweiten Altersjahr in ihren Bewegungen deutlich ungeschickter, unbeholfener und schlechter koordiniert. Auch Hör- oder Sehprobleme wie Schielen oder Schwachsichtigkeit treten häufig auf, diese können jedoch mit entsprechenden Hilfsmitteln korrigiert werden. Im Alter von zwei bis drei Jahren werden oft kognitive Störungen sowie Verhaltensstörungen wie Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivität diagnostiziert. Lassen Sie betroffene Kinder frühzeitig von einem Psychomotoriker oder Logopäden therapieren!
Viele mögliche Ursachen
Eine exakte Ursache für die verfrühte Geburt lässt sich oft nicht finden. Die Mediziner gehen heute davon aus, dass eine der häufigsten Ursachen eine Fehlbildung der Gebärmutter oder ein schlecht schliessender Gebärmutterhals ist. Leidet die Mutter an Bluthochdruck oder Diabetes, kann auch diese Erkrankung einen Auslöser darstellen. Ein Arzt leitet möglicherweise eine vorzeitige Geburt ein, wenn das Ungeborene krank ist und sonst geschädigt würde. Schliesslich können starke Übermüdung oder chronischer Stress zu verfrühten Wehen führen. |