Auf dem Weg zu sich selbst

Seit über 1000 Jahren pilgern Menschen von überall her nach Santiago de Compostela. Im Mittelalter hiess es, dem Pilger öffne sich am Ende des Jakobswegs der Himmel. Heute sehen viele Menschen die rund dreimonatige Pilgerschaft als Suche nach sich selbst, abseits vom Alltag.








Steile Bergpässe und eisige Kälte in den windigen Berghöhen. Lange Tage des Regens, gefolgt von gnadenlos brennender Sonne im endlos scheinenden Flachland. Zittrige Knie, schmerzende Schultern, im Nirgendwo zwischen Einsamkeit und Gedankenfreiheit. Und dann: Atemberaubende Weitsicht, einzigartige Kulturschätze und das herzliche Aufeinandertreffen von Fremden, die zu Freunden werden. Der Jakobsweg ist ein mühsamer Weg. Und trotzdem oder gerade deshalb ein Weg, den zu gehen sich lohnt.

Der Jakobsweg hilft der
Seele zu entschleunigen.
 


Jakobus im Trend
1978 besuchten 13 Pilger das Grab des Jakobus, 1988 waren es 3501 und 2008 bereits 125 133*. Seit der Jakobsweg in den 80-er Jahren mit gelben Pfeilen ausgeschildert wurde, das Herbergennetz ausgebaut und der Europarat 1987 «die Wege der Jakobspilger in Europa» zur ersten europäischen Kulturstrasse erhob – herrscht reger Pilgerverkehr in Spanien. Und nicht nur dort. Mit prominenten Pilgern wie Paulo Coelho, Shirley MacLaine oder Hape Kerkeling, die alle Welt an ihren Begegnungen und Erlebnissen auf Europas faszinierender Kulturstrasse teilhaben liessen, wächst die Pilgerzahl weltweit. Für 2010 wird ein neuer Pilgerrekord erwartet, denn der Festtag des heiligen Jakobus fällt auf einen Sonntag. Das bedeutet: Das heilige Compostelanische Jahr wird gefeiert.


Viele Wege führen zum Jakobsweg
und genauso vielfältig sind auch
die Motive, warum die Pilger zu
Fuss unterwegs sind.

Wo beginnt der Jakobsweg?
Als Jakobsweg ist in erster Linie die nordspanische Hauptverkehrsachse zu verstehen, die in den Pyrenäen ihren Anfang nimmt und von dort aus rund 800 Kilometer Richtung Westen führt. Die landschaftlich und kulturell beeindruckende Pilgerroute aus dem 11. Jahrhundert erstreckt sich über die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León, um dann am Grab des Apostels Jakobus – der als Schutzpatron verehrt wird – in der Kathedrale von Santiago de Compostela zu enden. Bereits im 12. Jahrhundert wurden vier weitere Jakobswege in Frankreich genannt, die sich im Umfeld der Pyrenäen zu einem Strang vereinen. Heute führen unzählige Wege aus ganz Europa nach Santiago de Compostela. In der Schweiz führen zwei Routen quer durchs Land – von Konstanz oder Rorschach nach Einsiedeln, via Brünig, Amsoldingen und Romont nach Genf. Wer in Spanien fragt, wo der Jakobsweg beginnt, bekommt zur Antwort: «Der Weg beginnt in Deinem Haus.» Der spanische Hauptweg wurde 1993 ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen, die vier französischen folgten 1998.

Tipp aus Ihrer Apotheke

Nicht ohne meine Reiseapotheke!
Während Franz von Assisi noch ohne Gepäck auskam, sollte der moderne Pilger, um Rücken und Knie zu schonen, unbedingt in einen funktionalen Trekking-Rucksack und in gutes, bequemes Schuhwerk investieren. Nützliche Tipps zur sinnvollen körperlichen und gesundheitlichen Vorbereitung auf den langen Fussmarsch sowie eine auf Ihre Bedürfnisse hin abgestimmte «Pilgerapotheke» erhalten Sie in Ihrer Apotheke.
 

Pilgern ist Luxus für die Seele
Der Jakobsweg steht wie jede Pilgerreise als Symbol für den menschlichen Lebensweg. Er führt vom Osten zum Westen, vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang, von der Geburt zum Tod. Doch gilt der Westen auch als Wendepunkt, der mit Neubeginn gleichzusetzen ist. Und genau diesen Wendepunkt suchten Pilger früher wie heute, bewusst oder unbewusst. Die Motive für den Pilger von heute sind so vielfältig, wie die Wege, die zum Jakobusgrab führen. Menschen, die den Jakobsweg antreten, wollen aus ihrem Alltag ausbrechen, ihre Neugier nach Neuem und Fremdem stillen, Abenteuerlust befriedigen. Einige sehen die Pilgerreise als sportliche Herausforderung, andere als eine Möglichkeit, Abschied zu nehmen von einem geliebten Menschen, von einer Lebensphase, von einstigen Idealen oder von dem Menschen, der man nicht mehr sein will. Unabhängig von der persönlichen Motivation – der Jakobsweg ist eine Reise zu sich selbst. Das natürliche Gehtempo mit vier bis sechs Stundenkilometern entschleunigt die Seele und hilft ihr, die Orientierung wiederzugewinnen.

*Quelle: Statistiken des Domkapitels der Kathedrale   von Santiago de Compostela

Lesetipps

  • Die Legende Aurea, Jacobus de Voragine, Gütersloher Verlagshaus 2004, ISBN-10:3-579-02560-0 (Literaturtipp zur Legende des heiligen Jakobus)
  • Spanischer Jakobsweg. Von den Pyrenäen bis Santiago de Compostela, Cordula Rabe, Rother Wanderführer 2009, ISBN-10: 3-7633-4330-X
     
Suzana Cubranovic


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