Zu viele Kilos auf der Waage

1997 stufte die Weltgesundheitsorganisation die Fettsucht als Epidemie ein und erstmals wurde das Problem auch auf politischer Ebene thematisiert. Mittlerweile sind immer mehr Kinder davon betroffen. Höchste Zeit, der Waage auf den Zeiger zu schauen.







  Dr. Daniel Laufer,
stellvertretender Chefarzt der medizinischen Chirurgie und Pädiatrie am Waadtländer Universitätsspital CHUV.

Bemerken Sie in Ihren Sprechstunden, dass immer mehr Menschen übergewichtig sind?
Dr. Daniel Laufer: Ja, die Nachfrage nach Beratung nimmt stetig zu. Doch vielen übergewichtigen Personen ist der krankhafte Aspekt ihres Übergewichts nicht bewusst, weshalb sie auch nicht zum Arzt gehen. Ausserdem übernehmen die Krankenkassen in der Schweiz keine Kosten für eine Diätberatung bei Kindern.

Was ist unter Übergewicht und Fettsucht zu verstehen?
Übergewicht und Fettsucht werden bei Kindern wie bei Erwachsenen durch den Body-Mass-Index (BMI) definiert. Den berechnet man, indem man das Körpergewicht in Kilo durch die Grösse (in Metern) im Quadrat teilt. Es gibt auch noch weitere Methoden wie die Messung der Hautfaltendicke, des Bauch- oder des Hüftumfangs. Diese werden verwendet, um den BMI zu ergänzen.

Wie hoch ist der Anteil übergewichtiger Kinder in der Schweiz?
Die Anzahl stark fettleibiger Kinder hat in den letzten Jahren in der Schweiz wie auch in ganz Europa und Nordamerika zugenommen. Dort hat sich die Zahl seit den 60-er Jahren sogar verdreifacht: Man schätzt, dass 31 Prozent der Kinder zu viele oder sogar viel zu viele Kilos auf die Waage bringen. In der Schweiz hat man Lausanner Schüler untersucht (Dr. V. Woringer) und herausgefunden, dass 16 Prozent übergewichtig sind.

In der Schweiz leiden
rund 16 Prozent der
Kinder an Übergewicht.
 

 Welche Faktoren können zu Fettsucht führen?
Die Vererbung spielt zweifelsohne eine grosse Rolle. Kommt eine eher ungesunde Lebensweise hinzu, ist die Fettsucht meist leicht zu erklären: Zu kalorienreiche Ernährung, Tätigkeit im Sitzen, unzureichender Schlaf oder es wird zu lange vor dem Fernseher, dem Computer oder Videospielen gesessen.

Die Fettsucht zieht gesundheitliche Probleme nach sich, welche Auswirkungen hat sie bei Kindern?
Die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht beim Erwachsenen sind sehr wohl bekannt: Bluthochdruck, Ablagerungen in den Arterien (Herz, Gehirn), erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko, Diabetes, Atemaussetzer während des Schlafes, Gelenkschmerzen in den Beinen usw. Ein übergewichtiges Kind wird diese «Nebenwirkungen» viel früher zu spüren bekommen.

Wie gehen Sie vor, wenn übergewichtige Kinder zu Ihnen in die Praxis kommen?
Bis vor kurzem behandelte man fettleibige Kinder vor allem nach der «Energiebilanz». Das heisst, man zählte die Kalorien, die sie zu sich genommen hatten und diejenigen, die sie verbraucht hatten. Dieser Ansatz erwies sich jedoch als wenig effizient, denn er war mit Zwang verbunden und frustrierte die Kinder. Heute zielen wir darauf ab, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und auf ihr Verhalten einzuwirken. Die Kinder sollen sich fragen: «Warum kann ich einem kalorienreichen Nahrungsmittel nicht widerstehen, warum esse ich so schnell usw.?» Ausserdem fördern wir Sport auf spielerische Weise. Das Kind soll erkennen, dass Sport durchaus Spass machen kann. Man bringt ihm bei, seinen Körper zu lieben, aber auch zu kochen und gesund zu essen – ohne ihm etwas zu verbieten.

Wie lässt sich Übergewicht bei Kindern vermeiden?
Abgesehen von den gängigen Ratschlägen zur Ernährung empfehlen wir heute eine gesunde Lebensweise. Das schliesst regelmässige körperliche Bewegung mit ein (mehr als eine Stunde pro Tag). Man rät zu ausreichendem Schlaf und die Zeit vor dem Bildschirm einzuschränken (weniger als eine Stunde pro Tag). Die Kinder sollen ermutigt werden, sich gerne zu bewegen und wenn sich eine Gelegenheit bietet, zu Fuss zu gehen oder mit dem Velo zu fahren.

Was wird in den Schulen in Punkto Prävention unternommen?
Man hat verschiedene Programme entwickelt. Einige Gemeinden bieten die Möglichkeit an, zwischen 12 und 14 Uhr Sport zu treiben. Die Cafeterias bieten immer häufiger ausgewogene Mahlzeiten an, die mit dem Label «Fourchette verte» ausgezeichnet sind. Automaten mit Süssgetränken oder Süssigkeiten verschwinden langsam aus den Schulen.

Weitere Informationen
www.akj-ch.ch/cms: Homepage des Schweizerischen Fachvereins Adipositas im Kindes- und Jugendalter 

Tipp aus IhrerApotheke

Tipps für die ausgewogene Ernährung Ihres Kindes

  • Stillen ist empfehlenswert (wenn möglich bis zu sechs Monaten).
  • Ab dem sechsten Monat sollten Früchte, Gemüse und Fleisch zu einer abwechslungsreichen Ernährung gehören.
  • Mit «langsamen Zuckern» (Brot, stärkehaltige Nahrungsmittel) sollte man sparsam umgehen. Den Konsum von Kuchen, Gebäck usw. mit verborgenen Fetten einschränken.
  • Weniger fettiges Fleisch, Wurstwaren, Fertigprodukte oder Vollmilch-Käse essen.
  • Dem Mineralwasser statt der Süssgetränke den Vorzug geben.
  • Jeden Morgen ausgewogen frühstücken.
  • Knabbereien zwischen den Mahlzeiten möglichst vermeiden.
  • Langsam essen, normale Portionen schöpfen.
  • Während der Mahlzeiten für eine entspannende und ruhige Atmosphäre sorgen.
  • Den neuen Geschmack lieben lernen.

Sophie Membrez


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