Medikamente in der Schwangerschaft

Benötigen schwangere Frauen Medikamente, helfen Beipackzettel wenig. Frau Prof. Dr. pharm. Ursula von Mandach forscht an der Frauenklinik des Universitätsspitals Zürich unter anderem über die Wirkung von Medikamenten auf das ungeborene Kind.









  Prof. Dr. pharm. Ursula von Mandach,
klinische Pharmazeutin,
Frauenklinik,
Universitätsspital Zürich
 

Viele schwangere Frauen haben Bedenken, Medikamente einzunehmen. Ist diese Zurückhaltung berechtigt?
Prof. Dr. Ursula von Mandach: Eine gesunde Vorsicht ist berechtigt, denn mit wenigen Ausnahmen geht jedes Medikament in den Kreislauf des Fötus über. Aufgrund unserer 25-jährigen Erfahrung hier am Universitätsspital wissen wir aber auch, dass es sehr viele Arzneimittel gibt, die während der Schwangerschaft eingesetzt werden dürfen.

Warum enthalten die meisten Beipackzettel dennnoch Warnhinweise bezüglich Schwangerschaft?
Wichtig ist, dass schwangere Frauen sich mit einer Fachperson, das heisst mit der Ärztin oder dem Arzt, der Apothekerin oder dem Apotheker besprechen. Beipackzettel enthalten auch juristische Aspekte, deshalb können sich die Angaben von den medizinischen Informationen, die wir haben, unterscheiden. Ein klärendes Gespräch mit einer Medizinalperson hilft, eine sinnvolle Entscheidung zu treffen.

Bei der Einnahme von Medikamenten
ist eine gesunde Vorsicht berechtigt.
 

Gibt es Listen von Medikamenten, die auch während der Schwangerschaft eingenommen werden dürfen?
Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Perinatale Pharmakologie, SAPP, hat sich zum Ziel gesetzt, alle medizinischen und pharmazeutischen Erfahrungen sowie Richtlinien zusammenzutragen, die vorhanden, aber an verschiedensten Orten verstreut sind. Eine Arzneimittelliste ist auf unserer Website www.sappinfo.ch öffentlich zugänglich.

Viele Schwangere weichen auf Komplementärmedizin aus. Ist das sinnvoll?
Gerade in der Schwangerschaft sind pflanzliche Arzneimittel sehr beliebt. Tatsächlich liegt auch aus der Kloster- und Hebammenmedizin ein grosser Erfahrungsschatz im Umgang mit Heilpflanzen vor. Die SAPP bemüht sich, diese zu sammeln und zu evaluieren. Doch viele Symptome, die im Normalfall Bagatellen sind, können in der Schwangerschaft auf eine ernsthafte gesundheitliche Störung hinweisen. Wichtig ist deshalb in jedem Fall das Gespräch mit einer Medizinalperson.

Warum sollten Schwangere Tabak und Alkohol meiden?
Alkohol ist die stärkste teratogene (Fehlbildungen bewirkende) Substanz, die es gibt. Alkohol schädigt die Organe und das Nervensystem, das Gehirn des ungeborenen Kindes. Im Extremfall kommt das Kind mit schwersten Hirn- und anderen Schäden zur Welt. Bezüglich des Alkohols sind wir ganz strikt. Schwangere sollten konsequent auf Alkohol verzichten.
Auch Tabak schädigt die Entwicklung des Kindes. Da viele Frauen wegen der Kreislaufumstellung in der Schwangerschaft das Rauchen schlecht vertragen, gelingt es ihnen oft, den Tabakkonsum einzuschränken. Wenn sie ganz aufhören zu rauchen, ist das natürlich das Beste für das Kind.

Was passiert, wenn Drogen im Spiel sind?
Das ist ein grosses Problem. Wir versuchen, die Mütter in eine spezielle Betreuung einzubinden, damit sie wenigstens während der Schwangerschaft, zum Beispiel in ein Methadonprogramm, aufgenommen werden. Trotzdem kommen die Kinder belastet zur Welt und werden in der Regel in ein höchst problematisches Umfeld hineingeboren.

Forschung im Zusammenhang mit der Schwangerschaft ist heikel. Wie forschen Sie?
Wir stossen tatsächlich schnell an ethische Grenzen. Klinische Studien, in denen ein Medikament gegen ein Scheinmedikament (Plazebo) geprüft wird, sind bei Schwangeren überwiegend nicht verantwortbar. Wertvolle Forschungsresultate erreichen wir im Labor. Das pflanzliche Arzneimittel Bryophyllum zum Beispiel wird in der anthroposophischen Medizin seit Jahrzehnten bei vorzeitigen Wehen eingesetzt, bislang auf erfahrungsmedizinischer Basis. Wir konnten mithilfe von Muskelfasern aus der Gebärmutter zeigen, dass Bryophyllum tatsächlich eine entspannende Wirkung auf die Gebärmuttermuskulatur hat. Anhand von Plazentagewebe untersuchen wir den Einfluss von Medikamenten auf das ungeborene Kind. Mit solchen und ähnlichen Forschungsprojekten bauen wir die Erkenntnisse über Medikamente in der Schwangerschaft kontinuierlich aus. Ausserdem haben wir uns das Ziel gesteckt, bei Frauen im gebärfähigen Alter das Bewusstsein für den Umgang mit Arzneimitteln im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Stillzeit zu fördern.

Nützliche Websites zum Thema Schwangerschaft


 

Heidi Mühlemann


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